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Zur Geschichte des Sammelbildes in Deutschland bis 1945

Ganz genau weiß es heute wahrscheinlich niemand mehr, aber der Ursprung des Sammel- oder besser Reklamebildes liegt wohl in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts.

In Deutschland schreibt man den Beginn dieser Art zu werben der Firma Stollwerck zu, die schon um 1840 ihre Waren mit Serienbildern ausstattete. 1879 soll ein Album der Zoologie mit 48 Bilderserien ausgegeben worden sein. Ein Belegstück habe ich davon bislang leider noch nicht zu Gesicht bekommen.

Die allgemein bekannten Stollwerck-Alben mit Automatenbildern (Format ca. 9 x 5cm) sind ab 1897 ausgegeben worden. Durch den großen Erfolg von Stollwerck begannen auch viele weitere Firmen für den Kauf ihrer Produkte auf diese Art und Weise besondere Anreize zu schaffen. Erwähnt seien hier zum Beispiel die Actiengesellschaft für automatischen Verkauf in Berlin, ein Hersteller von Verkaufsautomaten, in denen die Schokoladen verschiedener Firmen (u.a. Hartwig & Vogel, Sarotti, Reese & Wichmann) angeboten wurden, die Schokoladenfabriken Robert Berger in Pössneck oder Gartmann in Altona.

Neben den vor allem durch die Verkaufsautomaten in Umlauf gebrachten Automatenbildern wurden auch zunehmend Reklamebilder im Format von ca. 7 x 11cm als Beigabe zu den in Kolonialwarenläden verkauften Waren an die Kunden abgegeben.

Diese zunächst als Einzelbilder, später dann überwiegend in Serienform (meist zu sechs Bildern) ausgegebenen Kaufmannsbilder erhielt der Käufer sozusagen als Treueprämie. Durch den Wunsch zur Vervollständigung unkompletter Serien gelang es, ein bestimmtes Maß an Produktbindung beim Kunden zu erzeugen.

(Werbebild der Firma Gartmann im Automatenformat)         





Als Wegbereiter des Kaufmannsbildes gilt auch der Franzose Aristide Boucicaut, der Gründer der Kaufhauskette "Au bon marché" in Paris. Er begann weit vor 1900 mit der Abgabe von kleinen Bildern, die rückseitig seine Firmenwerbung trugen. Diese Reklamebilder fanden großen Anklang bei der Kundschaft und bescherten dem einfallsreichen Kaufmann einen beachtlichen geschäftlichen Erfolg.

Dadurch angeregt begann auch die Liebig Company im Jahre 1872 mit der Ausgabe von Bilderserien zu ihrem weltberühmten Produkt, dem nach einem Patent von Justus von Liebig hergstellten Fleischextrakt. Mit den Liebigbildern erreichte die von Alois Senefelder entwickelte Technik des Steindrucks, die Lithographie, eine besondere Blüte. Kaum eine andere Firma hat Kaufmannsbilder in dieser erstklassigen Qualität für ihre Kunden herstellen lassen. Nicht zuletzt diese Werbebilder haben zum großen Erfolg des teuren Fleischextraktes beigetragen. 

In Italien hat die Firma bis 1975 dieses Produkt mit Bildbeigaben versehen. Der Steindruck war ein sehr aufwändiger Prozess, bei dem bis zu 14 verschiedene Farben mit eigenen Drucksteinen übereinander gedruckt wurden. An diesem Verfahren hielt die Liebig Company auch dann noch fest, als andere Firmen längst auf billigere Drucktechniken, wie Phototypie oder Dreifarbendruck umgestellt hatten.

Der große Erfolg der Reklamebilder ist auch aus den Lebensumständen in der damaligen Zeit zu erklären. Die Medien Radio und Fernsehen gab es nicht und längst nicht jedermann hatte Zugang zu Zeitungen oder Büchern. Die Sammelbilder mit ihrem informativen und lehrreichen Charakter und der vielfältigen Thematik boten hier die Möglichkeit, einen Blick "in die Welt hinaus" zu werfen. Durch die zusätzliche Ausgabe von Sammelalben wurden kleine Nachschlagewerke geschaffen und somit der Reiz zum Sammeln noch weiter erhöht.

Das Ende des 1.Weltkriegs und die folgenden Krisenjahre bedeuteten gleichzeitig auch den Niedergang des Reklamebildes in der bis dahin gängigen Form. Nur wenige Firmen wie z.B. Liebig oder Gartmann hielten die Bildwerbung auch in diesen schwierigen Zeiten aufrecht. Verbunden mit dem Wandel der Bildwerbung betreibenden Branchen vollzog sich auch eine Veränderung des Sammelbildes. Waren es bis zum Ende des Krieges überwiegend Hersteller von Schokolade, Kakao, Kaffee oder Kaffee-Ersatzprodukten, so ergriff nun die aufstrebende Zigarettenindustrie diese Chance der Massenwerbung. Viele der in großer Zahl im Laufe der 20er Jahre entstehenden Zigarettenfabriken begannen unter Ausnutzung der neuen, billigeren Drucktechniken mit der Beigabe von Sammelbildern in ihren Packungen. Die Lithographie wurde abgelöst von den einfacheren, günstigeren Drei- oder Vierfarbendrucken, die ohne besonderen Aufwand eine Bildproduktion in erheblich größerem Umfang ermöglichte.

Aus diesem Zusammenhang erklären sich auch die Begriffe "Zigarettenbild" und "Zigarettenbilderalbum". Die Firma Reemtsma begann damit, statt Sammelbildern nummerierte Bilderschecks in die Zigarettenpackungen einzulegen. Gegen Einsendung von kompletten Scheckserien (Nr. 1 bis 50) erhielt der Sammler dann die entsprechenden Bilder. Somit war das Bildformat nicht mehr von der Schachtelgröße abhängig und es bestand die Möglichkeit, auch großformatige Bilder an die Sammler abzugeben. Die Menge der für einen kompletten Bildersatz erforderlichen Scheckserien variierte je nach Album. So erhielt man die Bilder zum Album "Deutsche Märchen" für drei Schecksätze, für das Album "Deutschland erwacht" waren dagegen sechs Sätze einzusenden.

            
(Ein Reemtsma-Bilderscheck. Etwa 12 Milliarden dieser Bilderschecks wurden gedruckt. Einige Reemtsma-Alben erreichten Auflagen von mehr als einer bzw. zwei Millionen Exemplaren)


Nicht nur das Sammelbild hatte sich verändert, auch die zugehörigen Alben wurden nun anders gestaltet. Zur Zeit des Kaufmanns- und Automatenbildes wurden Einsteckalben ausgegeben, der Inhalt war vielschichtig. Nun waren Einklebealben die Regel, die meist auch jeweils nur einer bestimmten Thematik gewidmet waren.

Die allgemeineThemenvielfalt war jedoch groß zu dieser Zeit, neben Sportalben aller Art waren Film und Schauspieler, Natur, Flaggen und Uniformen, Technik und Verkehr, der Weltkrieg aber auch Volkslieder und Volkstrachten sowie viele andere Bereiche Gegenstand der Sammelbilder- und Alben. 

Erst mit dem aufkommenden Nationalsozialismus verlagerten sich die Schwerpunkte der Bildinhalte sowohl zum mitlitärischen als auch zum politischen hin. Die Vorbereitungen Deutschlands auf einen neuen Krieg fanden auch im Bereich des Sammelbildes ihren versteckten Niederschlag.

(Sammelbild der Martin Brinkmann AG zum Album "Reedereiflaggen")

Mit der Ausgabe von Fotobildern wurde das Sammelbild vermehrt auch ein erfolgreiches Propagandainstrument. Viele Ausgaben beschäftigten sich mit dem politischen Tagesgeschehen in Deutschland und dokumentierten den Aufstieg des Deutschen Reiches in eindrucksvoller Art und Weise. Unerwünschte Bildausgaben und Alben dagegen wurden von den neuen Machthabern kurzerhand verboten, die Zensur hatte auch das Sammelbild erfasst. 


Besonders dem Zeitgeist angepasst waren unter anderem die dreibändige Ausgabe "Bilddokumente unserer Zeit" der Zigarettenfabrik Kosmos in Dresden (daraus auch das nebenstehende Bild) und die beiden Reemtsma-Alben "Adolf Hitler" und "Deutschland erwacht". 


Die letzten Albenausgaben datieren aus den Jahren 1942/43, danach kam die Produktion der Sammelbilder kriegsbedingt allmählich zum erliegen.


                                       Copyright 2006 by Klaus Tamm